Möglichkeiten und Grenzen einer Mitbenutzung von Verkehrsflächen zum Überflutungsschutz bei Starkregenereignissen

Aachen / ISB (2014) [Doktorarbeit]

Seite(n): 248 S. : Ill., graph. Darst.

Kurzfassung

Der Klimawandel wird wahrscheinlich zu wachsenden Häufigkeiten und Intensitäten von Starkregen führen. Um zukünftig Überflutungsschäden zu vermeiden, ist es notwendig, frühzeitig Anpassungsmaßnahmen zu ergreifen. Aufgrund der Leistungsgrenzen der Kanalnetze ist es notwendig, die wasserwirtschaftlichen Anforderungen vermehrt mit städtebaulichen Aufgaben zu kombinieren und Regenwassermanagement im Sinne einer „wassersensiblen Stadtentwicklung“ frühzeitig und kontinuierlich in den Umbau von Siedlungen einzubinden. Ziel sollte es dabei sein, möglichst viele Synergien des Überflutungsschutzes mit anderen planerischen Themenfeldern (Stadtgestaltung, Erholung, Lokalklima etc.) anzustreben und dabei vor allem low regret Maßnahmen zu verfolgen. Eine Maßnahme, die diesen Anforderungen besonders entspricht, bildet die Idee der temporären Mitbenutzung von Verkehrsflächen zum gezielten Rückhalt oder zum kontrollierten Abfluss von Niederschlagswasser bei Starkregenereignissen. Diese Maßnahme bietet finanzielle Synergien, da Investitionen in kostspielige Kanalsanierungen eingespart und stattdessen für die Stadtgestaltung verwendet werden. Gleichzeitig kann eine sozialverträgliche Entwicklung der Abwassergebühren gewährleistet werden. Die Recherchen im Rahmen der Arbeit zeigen, dass es in der Praxis bislang an umgesetzten Pilotprojekten mangelt, welche die Machbarkeit derartiger Lösungsansätze überzeugend illustrieren können. Zwar gibt es erste Ideen und Planungen für derartige Maßnahmen, allerdings scheitert die bauliche Umsetzung der Projekte häufig an den rechtlichen, betrieblichen und finanziellen Vorbehalten. Die Bedenken beziehen sich zumeist auf die Vereinbarkeit einer Mitbenutzung mit den in den straßenbaulichen Regelwerken definierten verkehrlichen Ansprüchen an die Straßenraumgestaltung. Die Dissertation reflektiert diese Bedenken und weist nach, dass sie unter bestimmten Bedingungen größtenteils ausgeräumt bzw. relativiert werden können. Darauf aufbauend gibt die Arbeit praxisorientierte Empfehlungen für die erfolgreiche Umsetzung einer Mitbenutzung von Verkehrsflächen. Hierzu werden zunächst Prüfschritte und Abwägungskriterien für eine Risikopotenzialanalyse und für die Identifizierung der für eine Mitbenutzung in Frage kommenden Verkehrsflächen definiert. Im folgenden Schritt werden anhand von Maßnahmensteckbriefen die konkreten baulichen Möglichkeiten einer Miteinbeziehung von Verkehrsflächen zum Überflutungsschutz illustriert und bewertet. Anschließend werden mögliche Wege einer Finanzierung von Mitbenutzungsmaßnahmen skizziert. Dabei wird zunächst deutlich, dass es der Bereitstellung eines fachübergreifendenen Budgets zur Deckung der Mehrkosten bei der Herstellung sowie der Betriebskosten für die Reinigung und Instandsetzung einer mitbenutzten Verkehrsfläche bedarf. Bislang scheitert die Umsetzung multifunktionaler Lösungen trotz der aus gesamtwirtschaftlicher Sicht offensichtlichen Vorteile nämlich häufig an den fehlenden Mitteln der zuständigen Stellen. Die Frage, ob der Umbau einer Straße zur Mitbenutzung im Sinne des bundesrechtlichen und kommunalen Abgaberechtes beitragsfähig ist und ob eine Refinanzierung von Straßenbaumaßnahmen zum Überflutungsschutz über Abwassergebühren möglich ist, kann nicht abschließend beantwortet werden. Angesichts der Vorteile, die durch Mitbenutzung für die angrenzenden Grundstücke entstehen, erscheint eine finanzielle Beteiligung der nutznießenden Anlieger an der Maßnahme jedoch grundsätzlich nicht abwegig. Es wird deutlich, dass es einer kontinuierlichen Sensibilisierung der handelnden und der betroffenen Akteure bedarf, um den Ansatz der Mitbenutzung in der Praxis zu etablieren. Dabei gilt es in erster Linie, Aspekte der Wirtschaftlichkeit einer Mitbenutzung und der Synergien mit der Stadt- und Freiraumgestaltung herauszustellen. Aufgrund des Mangels an fundierten und aussagekräftigen wirtschaftlichen Vergleichs- und Qualitätskennzahlen gestaltet sich eine Gegenüberstellung des Mitbenutzungsansatzes mit der konventionellen Siedlungsentwässerung bislang jedoch schwierig. Nur wenn es gelingt, die Vorteile einer Mitbenutzung stärker zu vermitteln, kann es gelingen das Bewusstsein für eine nachhaltige Infrastrukturplanung und für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Ressource Wasser zu stärken. Im Rahmen der Dissertation entwickelte Testentwürfe für eine Straße in Hamburg zeigen, dass der Wirkungsgrad einer Mitbenutzung von Verkehrsflächen (insb. im Bereich der Rückhaltung) meist begrenzt ist. Zwar trägt die gezielte und kontrollierte Einbeziehung von Verkehrsflächen zu einer Entspannung der Überflutungsproblematik bei, sie kann jedoch meistens nicht die alleinige Lösung sein. Neben der Umgestaltung einer Verkehrsfläche zur Mitbenutzung müssen auch alle anderen Optionen der Rückhaltung, Ableitung bzw. Abkopplung von Niederschlagswasser im Einzugsgebiet der gefährdeten Flächen ausgeschöpft werden.

Autorinnen und Autoren

Autorinnen und Autoren

Benden, Jan

Gutachterinnen und Gutachter

Vallée, Dirk

Identifikationsnummern

  • URN: urn:nbn:de:hbz:82-opus-52489
  • REPORT NUMBER: RWTH-CONV-145376